Leseprobe zu
Ranch Of Promises
Sierra
Leicht neige ich meinen Kopf nach links. Dann wieder nach rechts. Doch je länger ich das Bild aus bunten Farbklecksen an der Wand betrachte, desto weniger kann ich darin erkennen. Mir ist es ehrlich gesagt schleierhaft, was Bree an diesem Bild findet. Die Farbe ist wahllos übereinander angeordnet worden. Wenn man das überhaupt eine Anordnung nennen kann. Meine dreijährige Nichte hätte genauso ein Bild malen können.
»Sag schon, wie findest du es?«, fragt Bree mich aufgeregt. Ihre braunen Augen sind so groß geworden wie die einer japanischen Comicfigur. Überhaupt sieht sie wie eine aus, mit ihren langen blonden Zöpfen und ihrer schlanken Figur. Es fehlen nur noch das breite unschuldige Grinsen und die bunten Haare. Dann wäre sie selbst ein Kunstwerk. Ein japanisches Manga-Kunstwerk.
»Es ist … Es ist nett«, bringe ich nach kurzem Schweigen hervor. Bree verschränkt die Arme vor der Brust. Ihr Lächeln erstirbt.
»Du findest es schrecklich.«
»Wenn ich ehrlich bin, sieht es aus, als hätte sich ein Pfau drauf übergeben.«
»Sierra!«
»Tut mir leid. Wie viel hast du dafür bezahlt?«
»Etwa hundertfünfzig Dollar.«
Entsetzt öffne ich den Mund. Für hundertfünfzig Dollar hätte sie auch etwas für ihre Bar besorgen können. Vielleicht neues Geschirr oder irgendwas anderes, das nützlich sein könnte. Oder sie hätte das Geld sparen und sich etwas Schönes für ihre Wohnung kaufen können. Eine neue Couch zum Beispiel, denn ihre quietscht furchtbar. Ich habe mich zwar langsam daran gewöhnt, aber ab und zu erschrecke ich immer noch, wenn ich mich darauf niederlasse.
»Hundertfünfzig Dollar sind eine ganze Menge Geld«, stelle ich fest und fange an, die dreckigen Gläser von den Tischen abzuräumen. Andere würden so viel Geld nutzen, um beispielsweise einen kaputten Zaun reparieren zu lassen.
»Ja, aber ich liebe Kunst und du weißt, dass ich immer Geld dafür übrighabe. Mir ist egal, was du darüber denkst. Mir gefällt das Bild.« Sie sagt das so selbstsicher, dass ich gar nicht anders kann als zu schmunzeln. Bree liebt Kunst wirklich. Ich habe sie zwar nie selbst malen sehen, doch wenn sie mehr Zeit hätte, dann bin ich mir sicher, würde sie große Kunstwerke erschaffen. Und bestimmt wären ihre Bilder um einiges kreativer als das hier. Was sich der Ich-klatsch-mal-ein-bisschen-Farbe-auf-die-Leinwand-mal-sehen-was-draus-wird-Künstler wohl wirklich dabei gedacht hat?
Mittlerweile sind die meisten Gäste wieder nach Hause gegangen. Nur noch ein paar Leute sitzen in der Bar und trinken, während sie der ruhigen Musik lauschen, die aus dem Radio erklingt. In einer Kleinstadt wie Sandy Ville ist es gar nicht so untypisch, dass nur wenige Leute unter der Woche nach zwölf Uhr nachts noch in Brees Bar sitzen. Die meisten müssen am nächsten Morgen früh raus. Diejenigen, die bis spät in die Nacht noch etwas trinken gehen, sind die, die einsam sind. Einer von diesen Leuten ist mein Vater, der allein an der Bar sitzt und gedankenverloren seine Flasche Bier hin- und herschwenkt. Die Einsamkeit hat ihn viel älter gemacht als er eigentlich ist. Seine Haare sind schon fast vollständig ergraut und sein Bart wirkt nicht mehr so gepflegt, wie er einmal war. Die Barthaare stehen in alle Richtungen ab und verbergen seinen Mund, sodass man seine nach unten gezogenen Mundwinkel nicht mehr wirklich sehen kann. Früher hat er oft gelächelt. Doch das macht er schon lange nicht mehr. Mitleidig sehe ich ihn an.
»Wie lange ist es jetzt her?«, fragt sie mich leise. Ihre Stimme klingt bedrückt.
»Etwa drei Jahre.«
»Langsam sollte er darüber hinwegkommen, meinst du nicht?« Bree zieht die Nase kraus.
»Einen geliebten Menschen kann man nicht einfach vergessen, Bree.«
»Von vergessen spreche ich ja gar nicht. Aber er muss nach vorne sehen. Mit dem Leben weitermachen. So wie du.«
»Manchen Menschen fällt so etwas nun einmal sehr schwer«, entgegne ich.
Entschlossen nehme ich die Gläser und begebe mich hinter den Tresen. In einer Kleinstadt wächst einem jeder irgendwann ans Herz. Das passiert schnell, wenn man dieselben Menschen jeden Tag sieht und ihre Geschichten hört. Aus einem einfachen Hallo entstehen bald enge Freundschaften. So ähnlich war es bei Bree und mir auch. Als wir fünfzehn waren, sind wir in dieselbe Klasse gekommen und da haben wir uns angefreundet. Seitdem sind wir unzertrennlich. Da ich einen Ausgleich zur Arbeit auf der Ranch brauchte, schlug Bree vor, dass ich in ihrer Bar arbeiten könnte. Diese Tätigkeit sorgt nicht nur für einen kleinen Nebenverdienst, sondern auch dafür, dass ich meine Freundin öfter sehen kann. Wir teilen alles, unser Essen, unsere Klamotten und auch unsere Erfahrungen mit Männern. Geheimnisse hatten wir nie voreinander. Zwar ist sie meine einzige richtige Freundin, aber dafür unersetzlich. Die meisten in unserem Alter gehen aufs College und verlassen die Stadt, sobald sie ihren Abschluss gemacht haben. Doch Bree und ich blieben in Sandy Ville. Ich kann mir nicht vorstellen, die Stadt hinter mir zu lassen. Zu viele Erinnerungen verknüpfe ich mit diesem Ort. Und zu viele Menschen sind Teil meines Herzens geworden.
Die Bewohner von Sandy Ville sind wie eine zweite Familie für mich. Das ist wichtig, weil man ständig aufeinander hockt. Manchmal frage ich mich, ob die anderen das auch so sehen. Ob meine Familie und ich den Leuten auch wichtig sind. Mein Vater zumindest gab früher allen Bewohnern dieses Gefühl. Er hatte immer ein offenes Ohr und verteilte Ratschläge, auch dann, wenn man sie überhaupt nicht hören wollte. Er war auch der erste, der einen von der anderen Straßenseite aus grüßte. Doch er hat sich verändert. Und obwohl ich früher geglaubt habe, dass Veränderungen immer nur positiv sein können, weiß ich heute, dass ich mich geirrt habe.
Als meine Mum vor drei Jahren starb, brach für meinen Dad eine Welt zusammen. Meine Mum war selbstbewusst und manchmal auch sehr waghalsig. Aber jeder hat sie geliebt. Sie war einzigartig. Und für meinen Vater war sie die große Liebe. Ich habe oft gehört, dass der Verlust einer großen Liebe bedeutet, dass man auch einen Teil von sich selbst verliert. Und als ich Dads Gesicht sah, als er erfuhr, dass Mum an einer Rauchvergiftung im Krankenhaus gestorben war, erkannte ich, dass er mehr als seine Ehefrau verloren hatte.
»Hey«, begrüße ich ihn mit einem breiten Lächeln. »Wie ist dein Bier?« Mein Vater lacht leise auf und sieht mich an. Seine grauen Augen wirken müde. Er hat wohl kaum geschlafen.
»Es schmeckt gut, so wie immer«, antwortet er mir mit seiner rauen Stimme. Während ich die klebrigen Gläser sauber mache, beobachtet er mich dabei. Und in die Stille hinein, beginnt er ein Gespräch.
»Hast du schon von diesem neuen Projekt gehört?«
»Du meinst, dass diese Immobilienfirma aus unserer Stadt einen Ort für Touristen machen will?«, frage ich und stoße ein freudloses Lachen aus. »Ja, der Bürgermeister war sehr deutlich.«
»Das ist wirklich unglaublich, oder? Seit wann brauchen wir Touristen?«
Sandy Ville ist eine der schönsten Kleinstädte Texas und sie wollen es verunstalten, nur damit ein paar Touristen ihr Geld bei uns lassen. Als der Bürgermeister seine Pläne verkündete, war er völlig aus dem Häuschen. In seinen Augen blitzten Dollarzeichen auf. Natürlich stimmt es, dass die Stadt wenig Geld hat. Touristen würden finanziell sicher eine Hilfe sein. Allerdings würden die Einnahmen nicht dafür genutzt die Einheimischen zu unterstützen, sondern dafür den Massentourismus noch weiter auszubauen. Die gemütliche Stimmung, das überschaubare Kleinstadt-Leben, all das würde verschwinden.
»Weißt du, Sierra, wenn der Bürgermeister aus Sandy Ville wirklich eine Touristenstadt für diese ganzen Aasgeier machen will, dann können wir nichts dagegen tun. Manche Dinge können wir nicht beeinflussen«, spricht mein Gegenüber seine Gedanken laut aus. Sofort bekommt er meine ganze Aufmerksamkeit, und auch meine Wut zu spüren.
»Ich bin da ganz anderer Meinung«, sage ich bestimmt. Es gibt Dinge, die wir nicht beeinflussen können. Naturkatastrophen, Krankheiten und brennende Häuser, in denen Menschen sterben. Aber wir sind durchaus in der Lage unseren Mund aufzumachen und dem Bürgermeister zu sagen, was wir wirklich denken. »Diese Stadt ist voller Leben. Diese Stadt hat hunderte Geschichten zu erzählen. Und plötzlich soll sie für jeden zugänglich sein, eine Touristenattraktion werden und all das verdrängen, was die Stadt ausmacht? Jetzt mal im Ernst, das Ganze ist doch ein schlechter Scherz. Brauchen wir tatsächlich Menschen, die uns hier ihren Müll hinterlassen? Also ich nicht. Ich lerne gern neue Menschen kennen, aber viele der Besucher wussten unsere Kultur hier nicht zu schätzen. Und sie werden es auch nie, wenn Sandy Ville ihnen keine Attraktionen zu bieten hat.« Als ich fertig mit meiner Ansprache bin, ist mir wirklich warm geworden- mein Gesicht ist sicher ganz rot. Dieses Thema frustriert mich schon seit Wochen und das musste einfach mal raus. Und jetzt, da alles gesagt ist, fühle ich mich gleich viel besser.
Mein Vater trinkt den letzten Rest seines Biers aus und stellt die leere Flasche vor mir auf den Tresen, ehe er aufsteht und etwas Geld aus seiner Hosentasche kramt. »Du bist ein tolles Mädchen, Sierra. Doch nicht mal du kannst dafür sorgen, dass alles so bleibt wie es ist.« Seufzend legt er das Geld neben die Bierflasche und zieht sich seine Jacke an.
»Einen Versuch ist es immer wert«, sage ich selbstsicher, auch wenn ich eigentlich weiß, dass er recht hat.
»Weißt du, du erinnerst mich an deine Mutter. Du bist genauso stur wie sie.« Mit diesen Worten dreht er sich um und verlässt die Bar. Und während die warme Stimme von Hunter Hayes aus dem Radio dringt, schaue ich meinem Vater, der mir definitiv zu viel Trinkgeld gegeben hat, schockiert hinterher. Nicht, weil er meint, dass es viel zu spät ist, etwas zu unternehmen, sondern weil er zum ersten Mal seit drei Jahren seine tote Frau erwähnt hat. Oh Mum, wärst du nur hier.